Pausenloser Umbau. Das Denken, also Lernen und Gedächtnis, basiert auf einer fortwährenden Veränderung der Nervennetzwerke. Manche Gedankenbahnen werden häufiger gebraucht und werden dadurch schneller, andere haben ihre Aufgabe erfüllt und bauen sich ab. Weil jede Art der Wahrnehmung mit Lernen und Gedächtnis zu tun hat, befindet sich das Gehirn in einem pausenlosen Umbauprozess. «Wir» sind niemals konstant. Ein weiteres Merkmal des Gehirns ist das Umschreiben von unangenehmen Erfahrungen zu kompatibler, individueller Geschichte. Solche Manipula- tionen geschehen meist im Unterbewusstsein, und zwar im «Auftrag» der Evolution zur Sicherung des eigenen psychischen Überlebens. Wir merken nichts davon und meinen, wir hätten die Kontrolle über unser Denken und unser Empfinden.Es gibt keinen Kapitän an Bord. Das Schiff organisiert sich selbst. So ist Denken, laut einigen Neurobiologen, auch keineswegs verlässlicher oder objektiver als Wahrnehmen. 20 Milliarden Nervenzellen, die untereinander an 200 Billionen Stellen verknüpft sind, erschaffen offensichtlich eine permanente Simulation des Ichs. Wer will da noch von persönlicher Verantwortung oder gar Willensfreiheit sprechen? Bin ich tatsächlich nicht mehr als

 

ein Bio-Computer? Douglas Harding, ein hoch- betagter ehemaliger englischer Professor für Religionsphilosophie in Cambridge, lehrte seine Studenten, das wahre Ich zu entdecken. In einfachen Übungen zeigte er ihnen die Befreiung von einem sich permanent bemühenden, sich selbst und sein eigenes Leben ständig verbessern wollenden, unzufriedenen Ich. Das Geheimnis liegt jenseits von Denken und Wahrnehmen. Es enthüllt sich durch einen simplen Perspektivenwechsel und durch ein Spüren, wie es schon Rainer-Maria Rilke sah, «Wir schauen immer auf die Dinge. Und was zum Teufel ist es, aus dem wir schauen?»

BIRTE GRÄPER

 

Buch
Werner Siefer und Christian Weber
„Ich. Wie wir uns selbst erfinden“. Campus Verlag, 2006.

 

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